„Die einen mögen halt warme Affenhirne …“

Preisfrage, welcher Denkrichtung ist ein Sozialwissenschaftler zuzuordnen, der für seine Ãœberlegungen zum Menschen folgenden Ausgangspunkt wählt: „Wie konstruieren soziale Systeme dasjenige, was sie als relevante Umwelt brauchen?“. Richtig liegt, wer jetzt an die soziologische Systemtheorie denkt, denn dieser gilt unsereins eben in erster Linie als „relevante Umwelt“ der „sozialen Systeme“ .

Der „Schachzug“, von der üblichen anthropozentrischen Sichtweise abzuweichen und soziale Systeme ins Rampenlicht zu stellen, ist raffiniert, weil sich die Gesellschaft so ganz anders beobachten lässt. Gut erklärbar wird dadurch etwa die Eigenlogik und -dynamik der Wirtschaft, die inzwischen von den menschlichen Belangen weitgehend enthoben scheint (Link-Tipp hierzu: Jörg Räwel hat die Finanzkrise systemtheoretisch aufgearbeitet).

Dass die Systemtheorie den Faktor Mensch etwas zur Seite stellt, um einen unverstellteren Blick auf die sozialen Zusammenhänge zu bekommen, ist umstritten. Der Vorwurf, die Theorie sei a-human, wird immer wieder laut. Ein Mißverständnis aus Unkenntnis (hier ein Beispiel) und zudem Beleg dafür, wie wichtig sich so mancher Mensch nimmt. (Paradoxerweise scheinen hier insbesondere jene auf die Bedeutung des Menschen zu pochen, die sonst gerne dessen destruktives Potential für die Umwelt beklagen.)

Zurück zum oben zitierten Ausgangspunkt. Er geht auf den Emeritus Professor Peter Fuchs zurück. Der Luhmann-Schüler, über den DIE ZEIT geschrieben haben soll, er sei der „originellste und kühnste Weiterdenker der Systemtheorie Luhmanns“, hat sich mit dem Thema Mensch in seinem letzten Buch „Das Maß aller Dinge“ eingehend befasst. Im nachfolgenden Video äußert er seine Ansicht, dass vieles, was wir als menschliche Eigenheiten erachten, eigentlich von der sozialen Umwelt des Menschen herrührt. Das gilt auch für Gefühle oder den Geschmack. Im Video macht Fuchs die soziale Konditioniertheit des Menschen so anschaulich: „Die einen mögen halt warme Affenhirne. Die mögen das. Und wir mögen es vielleicht nicht.“

Das Anthropologie-Video findet sich neben einigen anderen im neuen Contextblog, das sich Aktuelles aus Wissenschaft, Philosophie und Kultur auf die Fahne geschrieben hat. In den weiteren Clips (aufgezeichnet im April 2009 in Luzern) äußert sich Fuchs gegenüber Studenten zu „Integration“, „Behinderung“, „Sinn und Sinnlosigkeit“, „Wirtschaftskrise“ sowie „Niklas Luhmann und die Theorie“.

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Feminismus 2.0 und die Google-Universität

Vor einem Monat hatte ich plötzlich erstaunlich viele Zugriffe auf einen Text auf meiner Website. Es waren insgesamt über 140 Besuche, alle für Mitte April registriert. Sämtliche Besucher kamen aus Ostdeutschland auf meine Seite – Schwerpunkt Jena. Der gefragte Text trägt den Titel: „Feminismus 2.0 – Plädoyer für eine emanzipatorische Neuausrichtung des Feminismus“.
Gut, dachte ich mir, in Ostdeutschland denkt man also intensiv über moderne Formen des Feminismus‘ nach. Nachholbedarf. Schön. Tagträumend sah ich, wie mein Text als Feministisches-Manifest an die Massen verteilt wird, Debatierrunden meine Gedankengänge in heißem Hin und Her besprechen und kritisieren.

Die Wirklichkeit war – leider – viel banaler. Wie ich inzwischen herausfand, liege ich mit dem Schlagwort „Feminismus 2.0“ an achter Stelle der entsprechenden Google-Ergebnisseite. Etwas unterhalb von meinem Eintrag ist auch der Verweis auf ein Seminar an der Universität Jena zu finden: „Geschlecht Macht Ungleichheit – Zur Soziologie der Geschlechterverhältnisse“. Dozenten: Dr. Silke van Dyk und Dr. Jörg Oberthür.
Um an dem Seminar teilnehmen zu können, mussten die Studenten unter anderem einen Essay schreiben zum Thema … na, welches wohl? Genau: „Feminismus 2.0. oder Was ist Feminismus heute?“ Abgabetermin: 21.04.2008. Aha.

Somit werde ich also nicht als Wegbereiter eines neuen Feminismus‘ in die Geschichte eingehen. Na ja, vielleicht habe ich es ja wenigstens geschafft, dass einige Studenten einen Platz in einem Gender-Seminar ergattern konnten (oder dieser ihnen verbaut wurde – wäre ja auch keine schlechte Sache bei den überfüllten Uni-Veranstaltungen).