Menschelndes im Web: David Lynchs Interview Project

Für den Soziologen Niklas Luhmann wie den Regisseur David Lynch gilt, dass ihre Werke den Rezipienten irritieren und bewußtseinserweiternd wirken. Zumindest mir geht das so. Ansonsten fallen mir auf die Schnelle keine nennenswerten Gemeinsamkeiten ein. Eher schon Unterschiede: Während, wie schon angesprochen, Luhmann den Menschen in seiner Theorie zum „Nebendarsteller“ macht, gewährt Lynch „Hinz und Kunz“ derzeit den großen Auftritt.

Und zwar im Rahmen des im Internet zu findenden Interview Projects. Wie Meister Lynch selbst erläutert, handelt es sich bei dem Projekt um einen 70 Tage währenden und 20.000 Meilen umfassenden „Road Trip“ durch die USA, bei dem zufällig in Bars oder am Straßenrand angetroffene Menschen die Gelegenheit erhalten, ihre „Story“ in die bereitgehaltene Kamera zu erzählen.

The Interview Project

Die Idee ist zwar nicht neu, allerdings geht es beim Interview Project nicht kumpelhaft zu. Anders als etwa beim bayerischen Pendant „Gerst unterwegs“ bleibt eine Distanz zum Objekt gewahrt. So muss auch nicht ständig zum Taschentuch gegriffen werden, denn statt Rührung erzeugen die virtuellen Kurzbegegnungen mitunter eher Befremden oder gar einen leichten Grusel.

Beispiel: Episode 78. Hier beklagt die verhärmte und fast zahnlose Theresa den zunehmenden Sittenverfall und bedauert die unter diesen Zuständen aufwachsende Jugend. Aufgezeichnet wurde das Interview im Fünftausend-Seelen-Kaff Porter im mittleren Westen der USA, vor Theresas verfallenem Häuschen. Wen wundert es da noch, dass die 73-jährige, geschiedene Frau gerne patriotische Gedichte verfasst und Gott als einzigen Halt („God is My Co-Pilot“) in ihrem Leben bezeichnet?

Theresa, 73, Porter / Indiana

Unmittelbar ist solch eine „Menschen-Show“ aber selbstverständlich auch bei Lynch nicht. Die den Interview-Schnippseln beigefügte Hintergrundmusik oder die verfremdende Bildtechnik erzeugt manchmal gar die aus Lynchs Filmen bekannte, eigentümliche, nicht selten beängstigende Stimmung. Das Ganze lässt sich also als ein kurzweiliges, gut gemachtes Nebenprojekt des exzentrischen Regisseurs bezeichnen, das ein wenig an „The Straight Story“ erinnert.

Interview Project-Route

Lynch hat sich mit dem Interview Project übrigens zum Ziel gesetzt, dem Zuschauer die Chance zu geben, Zufallsbekanntschaften mit ihm wildfremden Menschen zu machen. „It’s something that’s human and you can’t stay away from it“, ist er sich dabei sicher und wünscht: „Enjoy the Interview!“.

David Lynch

„Die einen mögen halt warme Affenhirne …“

Preisfrage, welcher Denkrichtung ist ein Sozialwissenschaftler zuzuordnen, der für seine Ãœberlegungen zum Menschen folgenden Ausgangspunkt wählt: „Wie konstruieren soziale Systeme dasjenige, was sie als relevante Umwelt brauchen?“. Richtig liegt, wer jetzt an die soziologische Systemtheorie denkt, denn dieser gilt unsereins eben in erster Linie als „relevante Umwelt“ der „sozialen Systeme“ .

Der „Schachzug“, von der üblichen anthropozentrischen Sichtweise abzuweichen und soziale Systeme ins Rampenlicht zu stellen, ist raffiniert, weil sich die Gesellschaft so ganz anders beobachten lässt. Gut erklärbar wird dadurch etwa die Eigenlogik und -dynamik der Wirtschaft, die inzwischen von den menschlichen Belangen weitgehend enthoben scheint (Link-Tipp hierzu: Jörg Räwel hat die Finanzkrise systemtheoretisch aufgearbeitet).

Dass die Systemtheorie den Faktor Mensch etwas zur Seite stellt, um einen unverstellteren Blick auf die sozialen Zusammenhänge zu bekommen, ist umstritten. Der Vorwurf, die Theorie sei a-human, wird immer wieder laut. Ein Mißverständnis aus Unkenntnis (hier ein Beispiel) und zudem Beleg dafür, wie wichtig sich so mancher Mensch nimmt. (Paradoxerweise scheinen hier insbesondere jene auf die Bedeutung des Menschen zu pochen, die sonst gerne dessen destruktives Potential für die Umwelt beklagen.)

Zurück zum oben zitierten Ausgangspunkt. Er geht auf den Emeritus Professor Peter Fuchs zurück. Der Luhmann-Schüler, über den DIE ZEIT geschrieben haben soll, er sei der „originellste und kühnste Weiterdenker der Systemtheorie Luhmanns“, hat sich mit dem Thema Mensch in seinem letzten Buch „Das Maß aller Dinge“ eingehend befasst. Im nachfolgenden Video äußert er seine Ansicht, dass vieles, was wir als menschliche Eigenheiten erachten, eigentlich von der sozialen Umwelt des Menschen herrührt. Das gilt auch für Gefühle oder den Geschmack. Im Video macht Fuchs die soziale Konditioniertheit des Menschen so anschaulich: „Die einen mögen halt warme Affenhirne. Die mögen das. Und wir mögen es vielleicht nicht.“

Das Anthropologie-Video findet sich neben einigen anderen im neuen Contextblog, das sich Aktuelles aus Wissenschaft, Philosophie und Kultur auf die Fahne geschrieben hat. In den weiteren Clips (aufgezeichnet im April 2009 in Luzern) äußert sich Fuchs gegenüber Studenten zu „Integration“, „Behinderung“, „Sinn und Sinnlosigkeit“, „Wirtschaftskrise“ sowie „Niklas Luhmann und die Theorie“.

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