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Archive for December, 2009

“Die einen mögen halt warme Affenhirne …”

Preisfrage, welcher Denkrichtung ist ein Sozialwissenschaftler zuzuordnen, der für seine Überlegungen zum Menschen folgenden Ausgangspunkt wählt: “Wie konstruieren soziale Systeme dasjenige, was sie als relevante Umwelt brauchen?”. Richtig liegt, wer jetzt an die soziologische Systemtheorie denkt, denn dieser gilt unsereins eben in erster Linie als “relevante Umwelt” der “sozialen Systeme” .

Der “Schachzug”, von der üblichen anthropozentrischen Sichtweise abzuweichen und soziale Systeme ins Rampenlicht zu stellen, ist raffiniert, weil sich die Gesellschaft so ganz anders beobachten lässt. Gut erklärbar wird dadurch etwa die Eigenlogik und -dynamik der Wirtschaft, die inzwischen von den menschlichen Belangen weitgehend enthoben scheint (Link-Tipp hierzu: Jörg Räwel hat die Finanzkrise systemtheoretisch aufgearbeitet).

Dass die Systemtheorie den Faktor Mensch etwas zur Seite stellt, um einen unverstellteren Blick auf die sozialen Zusammenhänge zu bekommen, ist umstritten. Der Vorwurf, die Theorie sei a-human, wird immer wieder laut. Ein Mißverständnis aus Unkenntnis (hier ein Beispiel) und zudem Beleg dafür, wie wichtig sich so mancher Mensch nimmt. (Paradoxerweise scheinen hier insbesondere jene auf die Bedeutung des Menschen zu pochen, die sonst gerne dessen destruktives Potential für die Umwelt beklagen.)

Zurück zum oben zitierten Ausgangspunkt. Er geht auf den Emeritus Professor Peter Fuchs zurück. Der Luhmann-Schüler, über den DIE ZEIT geschrieben haben soll, er sei der “originellste und kühnste Weiterdenker der Systemtheorie Luhmanns”, hat sich mit dem Thema Mensch in seinem letzten Buch “Das Maß aller Dinge” eingehend befasst. Im nachfolgenden Video äußert er seine Ansicht, dass vieles, was wir als menschliche Eigenheiten erachten, eigentlich von der sozialen Umwelt des Menschen herrührt. Das gilt auch für Gefühle oder den Geschmack. Im Video macht Fuchs die soziale Konditioniertheit des Menschen so anschaulich: “Die einen mögen halt warme Affenhirne. Die mögen das. Und wir mögen es vielleicht nicht.”

Das Anthropologie-Video findet sich neben einigen anderen im neuen Contextblog, das sich Aktuelles aus Wissenschaft, Philosophie und Kultur auf die Fahne geschrieben hat. In den weiteren Clips (aufgezeichnet im April 2009 in Luzern) äußert sich Fuchs gegenüber Studenten zu “Integration”, “Behinderung”, “Sinn und Sinnlosigkeit”, “Wirtschaftskrise” sowie “Niklas Luhmann und die Theorie”.

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Über die Rechtfertigung von Armut …

… hierzulande hat der Politikwissenschaftler Prof. Christoph Butterwegge einen äußerst lesenswerten Artikel verfasst, der sich in der Tageszeitung “Junge Welt” veröffentlicht findet. Galt bislang (geerbte) materielle Not als Hindernis für eine gute Bildung und eine lukrative Arbeitsstelle, so drehen die Fürsprecher der “herrschenden Leistungsideologie” den Spieß einfach um. Materielle Not ist ihrer Ansicht nach gar nicht das Problem, vielmehr liegt der Bildungsmangel und dessen böse Folgen schlichtweg an der Faulheit und dem Desinteresse der so genannten Unterschicht: “Sie könnten ja, aber sie wollen einfach nicht.”

Die undisziplinierte Unterschicht ist an ihrem Los letztlich selber schuld – das wäre ein Freispruch erster Klasse für die Träger und Profiteure der bestehenden Verhältnisse. Armut wird damit legitim (sie müssen ja nur wollen, wie die anderen, die genug Zaster haben). Umverteilung wird damit zum Nonsens (die Probleme bleiben bestehen, wenn der Reiche dem Armen gibt). Und: Die Behauptung, dass Bildung der Schlüssel für materiellen Erfolg und Zufriedenheit ist, erklärt auch, warum gegenwärtig in Politik und Wirtschaft ständig eine “Bildungsoffensive” gefordert bzw. ausgerufen wird. Mehr Bildung, das ist die Lösung für alles Schlechte in der Gesellschaft.

Ein Trugschluss, glaubt man Professor Butterwegge. Mehr noch: Der Bildungs-Hype ist eine Verschleierungstaktik, die den Status Quo zementieren soll, in dem von den eigentlichen Ursachen zunehmender Armut abgelenkt wird. Wer’s glaubt, wird kein Grund mehr sehen, für die Umverteilung der materiellen Ressourcen einzutreten.  “Beruhigungspille Bildung” also.

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