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Lebensweisheiten

Die Fragwürdigkeit unserer Existenz ist ohnegleichen, aber hören Sie es nochmals: Man muss es tragen.
Gottfried Benn, 1949 (in einem Radiointerview)

 

Welch ein Tag da mal wieder auf meine kleine Seele wartet, ohne Worte…
B.D., 2011 (in einer E-Mail)

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110723 Irritation

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Die einen und die anderen

Die einen: Busbahnhof Bonn. Taummelnde Gestalten, umgeben vom Gestank aus Pisse und Bier. Trübe Blicke, hinfällige Körper. Seltsam das laute Getöne. Hier und doch woanders. Ein Leben auf Abruf?

Die anderen: Linie 66. Faltiges Gesicht. Solariumbräune. Süssliches Parfum und Mundgeruch. Im Banne des Smartphones: das Gesicht wird zur Fratze, die Zunge schiebt sich zwischen die Lippen, irre Augen. Rollkoffer-Menschen. Ein Leben ohne Sinn?

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Besenreines Nomadenleben

Kleiderschrank, Bücherregal und Tisch – alles von Ikea. Die ganze Habe passt leicht ins 15-Quadratmeter-WG-Zimmer. Die Musik liegt auf der Platte. Die Pflanzenschale mit etwas blühendem Grünzeugs gabs beim Baumarkt um die Ecke. Die Erinnerungsfotos sind in einer Minute abgehängt. Wenn es mit dem Transporter nicht klappt, kann man die billigen Möbel auch auf die Straße stellen. Hoffentlich nimmt sie jemand mit. Das Notebook ist verpackt. Achtung, die schweren Bücherkartons immer rückenschonend heben! Zimmerübergabe besenrein. Eine neue Stadt – die Fremde irritiert nicht lange. Neues Zimmer zur Zwischenmiete – gefunden im Internet. Alles okay: die Mitbewohner sind anscheinend nett. Wenn morgen auch bei der Arbeit alles akzeptabel ist, kann ich mich echt nicht beschweren. Jetzt aber nicht mehr denken – relaxen! Es ist doch Sonntagabend.

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Menschelndes im Web: David Lynchs Interview Project

Für den Soziologen Niklas Luhmann wie den Regisseur David Lynch gilt, dass ihre Werke den Rezipienten irritieren und bewußtseinserweiternd wirken. Zumindest mir geht das so. Ansonsten fallen mir auf die Schnelle keine nennenswerten Gemeinsamkeiten ein. Eher schon Unterschiede: Während, wie schon angesprochen, Luhmann den Menschen in seiner Theorie zum “Nebendarsteller” macht, gewährt Lynch “Hinz und Kunz” derzeit den großen Auftritt.

Und zwar im Rahmen des im Internet zu findenden Interview Projects. Wie Meister Lynch selbst erläutert, handelt es sich bei dem Projekt um einen 70 Tage währenden und 20.000 Meilen umfassenden “Road Trip” durch die USA, bei dem zufällig in Bars oder am Straßenrand angetroffene Menschen die Gelegenheit erhalten, ihre “Story” in die bereitgehaltene Kamera zu erzählen.

The Interview Project

Die Idee ist zwar nicht neu, allerdings geht es beim Interview Project nicht kumpelhaft zu. Anders als etwa beim bayerischen Pendant “Gerst unterwegs” bleibt eine Distanz zum Objekt gewahrt. So muss auch nicht ständig zum Taschentuch gegriffen werden, denn statt Rührung erzeugen die virtuellen Kurzbegegnungen mitunter eher Befremden oder gar einen leichten Grusel.

Beispiel: Episode 78. Hier beklagt die verhärmte und fast zahnlose Theresa den zunehmenden Sittenverfall und bedauert die unter diesen Zuständen aufwachsende Jugend. Aufgezeichnet wurde das Interview im Fünftausend-Seelen-Kaff Porter im mittleren Westen der USA, vor Theresas verfallenem Häuschen. Wen wundert es da noch, dass die 73-jährige, geschiedene Frau gerne patriotische Gedichte verfasst und Gott als einzigen Halt (“God is My Co-Pilot”) in ihrem Leben bezeichnet?

Theresa, 73, Porter / Indiana

Unmittelbar ist solch eine “Menschen-Show” aber selbstverständlich auch bei Lynch nicht. Die den Interview-Schnippseln beigefügte Hintergrundmusik oder die verfremdende Bildtechnik erzeugt manchmal gar die aus Lynchs Filmen bekannte, eigentümliche, nicht selten beängstigende Stimmung. Das Ganze lässt sich also als ein kurzweiliges, gut gemachtes Nebenprojekt des exzentrischen Regisseurs bezeichnen, das ein wenig an “The Straight Story” erinnert.

Interview Project-Route

Lynch hat sich mit dem Interview Project übrigens zum Ziel gesetzt, dem Zuschauer die Chance zu geben, Zufallsbekanntschaften mit ihm wildfremden Menschen zu machen. “It’s something that’s human and you can’t stay away from it”, ist er sich dabei sicher und wünscht: “Enjoy the Interview!”.

David Lynch

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“Die einen mögen halt warme Affenhirne …”

Preisfrage, welcher Denkrichtung ist ein Sozialwissenschaftler zuzuordnen, der für seine Überlegungen zum Menschen folgenden Ausgangspunkt wählt: “Wie konstruieren soziale Systeme dasjenige, was sie als relevante Umwelt brauchen?”. Richtig liegt, wer jetzt an die soziologische Systemtheorie denkt, denn dieser gilt unsereins eben in erster Linie als “relevante Umwelt” der “sozialen Systeme” .

Der “Schachzug”, von der üblichen anthropozentrischen Sichtweise abzuweichen und soziale Systeme ins Rampenlicht zu stellen, ist raffiniert, weil sich die Gesellschaft so ganz anders beobachten lässt. Gut erklärbar wird dadurch etwa die Eigenlogik und -dynamik der Wirtschaft, die inzwischen von den menschlichen Belangen weitgehend enthoben scheint (Link-Tipp hierzu: Jörg Räwel hat die Finanzkrise systemtheoretisch aufgearbeitet).

Dass die Systemtheorie den Faktor Mensch etwas zur Seite stellt, um einen unverstellteren Blick auf die sozialen Zusammenhänge zu bekommen, ist umstritten. Der Vorwurf, die Theorie sei a-human, wird immer wieder laut. Ein Mißverständnis aus Unkenntnis (hier ein Beispiel) und zudem Beleg dafür, wie wichtig sich so mancher Mensch nimmt. (Paradoxerweise scheinen hier insbesondere jene auf die Bedeutung des Menschen zu pochen, die sonst gerne dessen destruktives Potential für die Umwelt beklagen.)

Zurück zum oben zitierten Ausgangspunkt. Er geht auf den Emeritus Professor Peter Fuchs zurück. Der Luhmann-Schüler, über den DIE ZEIT geschrieben haben soll, er sei der “originellste und kühnste Weiterdenker der Systemtheorie Luhmanns”, hat sich mit dem Thema Mensch in seinem letzten Buch “Das Maß aller Dinge” eingehend befasst. Im nachfolgenden Video äußert er seine Ansicht, dass vieles, was wir als menschliche Eigenheiten erachten, eigentlich von der sozialen Umwelt des Menschen herrührt. Das gilt auch für Gefühle oder den Geschmack. Im Video macht Fuchs die soziale Konditioniertheit des Menschen so anschaulich: “Die einen mögen halt warme Affenhirne. Die mögen das. Und wir mögen es vielleicht nicht.”

Das Anthropologie-Video findet sich neben einigen anderen im neuen Contextblog, das sich Aktuelles aus Wissenschaft, Philosophie und Kultur auf die Fahne geschrieben hat. In den weiteren Clips (aufgezeichnet im April 2009 in Luzern) äußert sich Fuchs gegenüber Studenten zu “Integration”, “Behinderung”, “Sinn und Sinnlosigkeit”, “Wirtschaftskrise” sowie “Niklas Luhmann und die Theorie”.

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Über die Rechtfertigung von Armut …

… hierzulande hat der Politikwissenschaftler Prof. Christoph Butterwegge einen äußerst lesenswerten Artikel verfasst, der sich in der Tageszeitung “Junge Welt” veröffentlicht findet. Galt bislang (geerbte) materielle Not als Hindernis für eine gute Bildung und eine lukrative Arbeitsstelle, so drehen die Fürsprecher der “herrschenden Leistungsideologie” den Spieß einfach um. Materielle Not ist ihrer Ansicht nach gar nicht das Problem, vielmehr liegt der Bildungsmangel und dessen böse Folgen schlichtweg an der Faulheit und dem Desinteresse der so genannten Unterschicht: “Sie könnten ja, aber sie wollen einfach nicht.”

Die undisziplinierte Unterschicht ist an ihrem Los letztlich selber schuld – das wäre ein Freispruch erster Klasse für die Träger und Profiteure der bestehenden Verhältnisse. Armut wird damit legitim (sie müssen ja nur wollen, wie die anderen, die genug Zaster haben). Umverteilung wird damit zum Nonsens (die Probleme bleiben bestehen, wenn der Reiche dem Armen gibt). Und: Die Behauptung, dass Bildung der Schlüssel für materiellen Erfolg und Zufriedenheit ist, erklärt auch, warum gegenwärtig in Politik und Wirtschaft ständig eine “Bildungsoffensive” gefordert bzw. ausgerufen wird. Mehr Bildung, das ist die Lösung für alles Schlechte in der Gesellschaft.

Ein Trugschluss, glaubt man Professor Butterwegge. Mehr noch: Der Bildungs-Hype ist eine Verschleierungstaktik, die den Status Quo zementieren soll, in dem von den eigentlichen Ursachen zunehmender Armut abgelenkt wird. Wer’s glaubt, wird kein Grund mehr sehen, für die Umverteilung der materiellen Ressourcen einzutreten.  “Beruhigungspille Bildung” also.

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Drei Generationen Systemtheorie

Eine recht hilfreiche Übersicht: Die nachfolgende Tabelle komprimiert die Geschichte der Systemtheorie in drei Generationen. Mit einigen Erläuterungen versehen, findet sie sich im interessanten Blog “Concept Walk” des japanischen Studenten Takashi Iba.

Drei Genereationen Systemtheorie

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Vom Kapitalismus und anderen Utopien

Von zwei interessanten Erörterungen der Zukunft des Kapitalismus lässt sich berichten:

I.

Das Ende desselben prophezeit der freie Journalist Peter Zudeick im NDR-Podcast: Der Kapitalismus stelle ein System dar, in dem der Mensch nicht die maßgebliche Rolle spiele.  Die Folgen sind bekannt: Wenige leben in Saus und Braus, viele kommen gerade so über die Runden, Millionen gehen einfach drauf. Laut Zudeick muss das Bewußtsein weiter wachsen, dass der Kapitalismus nicht ohne Alternative ist. Gemeinsam lässt sich dann das kapitalistische System überwinden, eine menschlichere Wirtschaftsordnung etablieren. Ein Fundament für das Neue sieht Zudeick dabei längst gelegt.

Schön wär’s ja. Der Siegeszug des Humanismus – irgendwie muss ich dabei an die Broschüren denken, die die Zeugen Jehovas immer in den Fußgängerzonen verteilen: Eine Welt, in der Milch und Honig fließen, findet sich darin beschrieben, grenzenlose Liebe wird für die neuen, bald anbrechenden Zeiten prophezeit. Zu schön um hienieden wahr zu werden.

II.

Als Lösung, nicht als Problem beschreibt Fritz B. Simon den Kapitalismus in der FAZ. Denn der gewährleiste auf seine Art “die Produktion und Verteilung von Gütern, insbesondere von Gütern, die für das individuelle wie kollektive Überleben des Menschen notwendig sind”.
Der systemtheoretisch argumentierende Simon will kein Apologet des Kapitalismus sein, er beobachtet nur dessen gesellschaftliche Funktion:

Märkte sind dumm, ungerecht und moralfrei, denn sie verfolgen keine eigenen Ziele. Und das ist auch gut so. Denn nur aufgrund ihrer Blindheit gegenüber nichtwirtschaftlichen Bewertungen lassen sich wirtschaftliche Mechanismen für ganz widersprüchliche Werte und Zwecke nutzbar machen.

Das selbstreferentielle Wirtschaftssystem ist unerlässlich für das Funktionieren der Gesellschaft insgesamt.  Und wie erklärt sich für Simon die Krise des Kapitalismus, die letzlich eine Krise der Gesellschaft insgesamt ist?

Die Ursachen der gegenwärtigen Krise sind relativ einfach zu identifizieren: Eine funktional differenzierte Gesellschaft gewinnt ihre Rationalität daraus, dass unterschiedliche Funktionssysteme wie Wirtschaft, Recht, Politik sich gegenseitig in ihrer Macht begrenzen und in Schach halten. Durch die von Margaret Thatcher und Ronald Reagan eingeleitete Selbstkastration der Politik ist diese Heterarchie der Funktionssysteme und ihrer Entscheidungskriterien zugunsten der hierarchischen Überordnung der Wirtschaft verändert worden.

Der Ruf nach der Politik, um das Gleichgewicht der Systeme wiederherzustellen? Das ist für einen Systemtheoretiker eher ungewöhnlich. Interventionen der Politik in die Wirtschaft richten, so lässt es sich den Schriften von Niklas Luhmann entnehmen, eher Schaden an als das sie nützen. Ist die Vorstellung einer Heterarchie der sozialen Systeme utopisch? Das wäre letzlich schlecht für die Zukunft der funktional differenzierten Gesellschaft – oder aber: die soziologische Systemtheorie taugt einfach nicht als Ratgeber in der gegenwärtigen Krise.

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Schelsky zwischen Gehlen und Habermas

Das freut mich: Einen sehr interessanten Artikel, der sich insbesondere mit den heute weitgehend in Vergessenheit geratenen Soziologen Helmut Schelsky und Arnold Gehlen befasst, gibt es in der Onlineausgabe der Zeitung Die Welt zu lesen. “Auf den Gipfeln, hinter den Kulissen”, ist der Text überschrieben. Verfasst wurde er von Wolf Lepenies in Gedenken an den vor 25 Jahren verstorbenen Helmut Schelsky.

Wie Lepenies schreibt, soll Schelsky übrigens Habermas einst dazu eingeladen haben, “Mitglied in einer ‘Kleinstgesellschaft für Soziologie auf Zeit’ zu werden, in der sich erhöhte Chancen der Kooperation und Kommunikation böten.” Klare Sache also, von wem Niklas Luhmann seinen bissigen Witz herhat. ;-)

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